Das 4. Gebot – Stand-Up und Predigt 7

Gemäss einer These von Sparks* (S.35ff), hat eine gute Predigt wie ein guter Text oder eine gute Performance einen ‘messbaren Herzschlag’ (vgl. Elektrokardiogramm). Wir alle kennen diese ‘Herzschlaglinie’ die sich in mehr oder weniger Regelmässigen Abständen rauf und runter bewegt, z.B. aus Krimis, wenn der Schwerverletzte auf dem Notfall liegt und mit dem Elektrokardiogramm der Herzschlag und der Puls überwacht werden. Jeder Ausschlag ist ein Zeichen dafür, dass noch etwas geht. Erscheint statt der Ausschläge plötzlich nur noch eine Linie auf dem Monitor, ist der Patient gestorben (oder das Gerät kaputt…).
Ähnliches gilt für eine Predigt: Wenn sie nicht mehr nach oben und unten ‘ausschlägt’ sondern nur noch monoton vor sich hinpfeifft, ist sie tot. Nicht zuletzt bedingt durch die sehr kurze und in Zeiten von Social Media noch kürzer gewordene Aufmerksamkeitsspanne von Zuhörerinnen und Zuhöhrern, die unter der eines Goldfisches liegen soll, nämlich bei etwa 8 Sekunden. Ein Goldfisch habe eine Aufmerksamkeitsspanne von 9 Sekunden…. (S.36*).
Das bedeutet, in regelmässigen Abständen muss in einer Predigt etwas geschehen (gesagt oder getan werden), das die Aufmerksamkeit der Zuhörenden in Anspruch nimmt. Stand-Up Comedians müssen in einer Frequenz von 6-8 ‚Lachern / Minute‘ liefern. Sie müssen lustig sein, immer wieder, nicht ausgewogen oder gut dokumentiert, weder dramatisch noch sonst wie interessant, nein: Sie müssen Pointen liefern, eine nach der anderen, immer wieder.
In einem Gottesdienst ist das Publikum (gottseidank) nicht ganz das gleiche wie im Comedy-Schuppen. Da bleibt uns Pfarrpersonen und Predigenden normalerweise etwas mehr Zeit, um die Aufmerksamkeit der Zuhörenden im Gottesdienst zu erhalten und zu behalten.
Hingegen stehen wir vor ähnliche Herausforderungen wie die Comedians, wenn wir mal eine Taufe, oder gar eine Konfirmation haben – oder auch an einer Abdankung, wo viele Besucherinnen und Besucher da sind, die sich den ‚Kirchenslang‘ nicht gewohnt sind, dafür aber die sozialen Medien gut kennen.. Können wir die Aufmerksamkeit eines Göttis über den Gottesdienst halten, der seit der Taufe seines Patenkindes nicht mehr in der Kirche war und dessen Handy locker in der Tasche sitzt?
Sparks sieht 3 Möglichkeiten
Die Stimme (S.37ff):
- Hohe Lautstärke – die erheischt immer die Aufmerksamkeit von Zuhörenden, vor allem wenn sie überraschend eingesetzt wird. Aus der Schule weiss ich, wenn der Lehrer zum ersten Mal schreit, ist das ziemlich verstörend, wenn er es zum 1000. Mal macht, reagiert niemand mehr darauf. Wie ein gutes Gewürz sparsam aber gezielt eingesetzt, denke ich aber, hat sie, die Lautstärke, durchaus ihre Wirkung.
- Leise sprechen: schafft Intimität und Nähe. Beim Wechsel der Lautstärke kommt ein technisches Ding mit dazu: Man muss wissen, wie man mit dem Mikrofon umgehen muss – damit die Lautstärke nicht überschlägt und die leisen Töne trotzdem gehört werden.
- Tempo: Auch ‘Gangwechsel’ im Tempo der Sprache, kann Aufmerksamkeit generieren. Ein Stakkato von einer Aufzählung oder auch eine laaaaanmgweeeeiiilige Sequenz, können die Zuhörenden verwirren und aufmerksam machen. Sie wollen plötzlich wissen, was da abgeht.
- Verschiedene Stimmen: Kann man den einzelnen Personen einer Erzählung je eine eigene Stimme geben? Wir kennen das ja zum Beispiel vom ‘Samichlous’**. Niemand würde den Samichlous mit hoher und zerbrechlicher Stimme spielen. Der Samichlous hat traditionell doch eher eine tiefe, ja manchmal dröhnende Stimme. In der Schweiz eignet sich u.U. auch ein Dialektwechsel…
- Stille: Manchmal erhält man die höchste Aufmerksamkeit, wenn man gar nichts sagt. Stillle ist ein äusserst wirksames Instrument, eine Predigt zu ‘bereichern’, sofern sie gut eingesetzt wird. Kleine Pausen nach wichtigen Aussagen, können die Bedeutung der eben gesagten Wort unterstreichen.
Bei dem was ich hier bei Sparks gelesen habe, muss ich unweigerlich einmal mehr an die Ausbildung zum Bibelerzähler denken. Wir haben das damals geübt, das Erzählen und Vortragen – aber auf eine andere Art, als ich das zuerst meinte, dass es geschehen würde.
Ich meinte, Schauspiel sei eine Technik, die man abstrakt lernen könne und dann einfach anwenden müsse. Mir war bis dahin nicht bewusst, dass um gut zu erzählen, man in eine Geschichte einsteigen muss, man muss sich eine Geschichte zu eigen machen. Aus der Geschichte, die man erzählen will, seine eigene machen. Und dann erzählt man anders. Man lebt die Geschichte mit, wenn man sie erezählt und nimmt die Zuhörenden mit in das Abenteuer.
Ähnliches gilt für das Vortragen von Bibeltexten und natürlich von selbst verfassten Predigten.
Und hier ist dann auch der Übergang zum Mehrwert einer Predigt (S.40f*). Wenn es in einer Predigt nur um Information geht, dann kann man sich heutzutage per KI oder auch Videos und Texten auf dem Internet diese Infos zu jeder Tages- und Nachtzeit beschaffen. Was also ist der Mehrwert, den wir Predigenden im Gottesdienst bieten?
Ein Gottesdienst – wie eine Stand-Up Performance auch – werden im besten Fall für die Anwesenden zu einem Erlebnis. Ein Erlebnis, an das sie sich erinnern, nicht weil sie noch wissen, was genau gesagt worden ist, sondern v.a. weil sie sich daran erinnern, wie sie sich gefühlt haben, was sie erlebt haben. Das Internet kann viel vermitteln, aber ein Erlebnis gehört in den wenigsten Fällen dazu.
Das ist die Chance und die Herausforderung für Gottesdienste, in denen die Predigt / die Verkündigung ein Teil davon ist: Ein Erlebnis bieten.
Für dass die Predigt / der Gottesdienst zu einem Erlebnis werden kann, haben wir viele rhetorische und inhaltliche Möglichkeiten. Die kann man lernen und anwenden.
Dazu gehört auch Schauspiel an sich: Wie gebe ich mich? Wie unterstreiche ich den Inhalt meiner Aussage mit meinem Körper? Mymik und Gestik während einer Predigt können, ja müssten eigentlich auch einstudiert werden.
Andererseits, wenn ich ehrlich bin – mir gehen Predigende, die die ganze Zeit auf- und abgehen und mit oscar-würdigem Schauspiel ihre Worte zum besten geben, so was von auf den Sack. Ich mag das gar nicht und mache es auch nicht, nicht zuletzt weil ich meine Predigten immer von einem Skript lese, auch nach mehr als 25 Jahren. Ich sehe mich als ‘Erzähler’, als Vor-Leser – was immer auch eine Performance ist, einfach ruhiger, bestimmter. Ich denke, die Zuhörenden haben so besser die Möglichkeit und den Raum, in sich zu gehen, sich selber zu begegnen, als wenn da ein Tausendsassa eine grossartige Show abzieht. Meine Texte bereite ich deshalb auch entsprechend vor.
Andere haben andere Anliegen und Talente, und das darf und soll so sein.
Allen gemeinsam bleibt, dass eine Predigt immer wieder die Aufmerksamkeit der Zuhörenden erheischen muss, ständig. Und das kann man lernen und anwenden, gerade mit und in theologischer Verantwortung.
Susan Sparks macht bei ihren Predigten manchmal den EKG-Test (S.43f). Da druckt sie die Predigt aus, markiert dann farbig die ‘Hochs’ und Tiefs’ ihrer Predigt und legt die ganze Predigt dann auf dem Boden aus. Nun hat sie den Überblick darüber, wo überall die Herzkurve der Predigt ausschlägt. Ist der Puls der Predigt regelmässig? Herrscht irgendwo ‘Totenstille’? Oder an einem Ort zu viel ‘Herzklopfen’.
Das gleiche kann man machen, indem man die Predigt aufnimmt und sie anhört oder auch anschaut. Ist das überhaupt spannend zum Zusehen und Zuhören?
Wir haben in der Ausbildung im Vikariat jeweils Videos gemacht von Gottesdiensten / Predigten, sind dann aber oft auf das Inhaltliche eingegangen. Wäre spannend gewesen, mal ein Video stumm ablaufen zu lassen… Hätten wir wissen wollen, was der oder die da labert?
Ich denke, es ist ein grosses Stück Arbeit, mit seinen Predigten und Gottesdienste einen solchen ‚EKG-Test‘ zu machen. Vielleicht muss man das sehen wie die Kontrolle bei einem Arzt. Man muss ja nicht 24/7 an einem EKG hängen – aber 1x im Jahr eine Untersuchung schadet nicht und kann frühzeitig helfen, Probleme zu erkennen.
Oder das ganze einmal mit einem Vikaren oder einer Praktikantin durchspielen…
(wieso ertönt bei diesem Gedanken in mir ein leises, vor-freudiges und ziemlich gemeines Lachen??)
*Susan Sparks, Preaching Punchlines – The ten commandments of comedy, 2019, Macon Georgia
** CH-Bezeichnung für St. Nikolaus / Weihnachtsmann

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