Du sollst Material finden

Das 5. Gebot* – Stand-Up und Predigt 8
Wo finden Comedians nur all ihre Witze? fragt sich vielleicht manch einer. Eigentlich ist die Frage recht schnell beantwortet: Im eigenen Alltag, in Beobachtungen von Menschen. Vielleicht reicht es, 1-2 Stunden an einem öffentlichen Ort auf einer Bank zu sitzen und die Leute, die vorbeigehen, zu beobachten. Ihre Beschäftigungen, ihre Unterhaltungen, ihren Gang und viele grössere und kleinere Beobachtungen.
Ich stelle mir vor, dass der (eigene) Alltag für Comedians DAS grosse Reservoir an lustigen Ideen ist. Zweierlei Gründe bringen mich auf diesen Gedanken.
Man kann nur wirklich gut über etwas schreiben, das man selber gut kennt. Als Pfarrperson stehen mir einerseits Alltagerfahrungen zur Verfügung, die ich mit allen anderen teile (einkaufen, im Stau stehen, Gym, Politik etc.) andererseits natürlich auch meine alltägliche Arbeit als Pfarrperson, die Erfahrungen mit sich bringt, die nicht ohne Weiteres mit Menschen, die einen anderen Hintergrund haben, geteilt werden können. Ich verstehe Witze, bei denen sich Programmierer am Boden kugeln vor Lachen nicht, einfach weil mir das Wissen und die Erfahrung fehlt. Andererseits kenne ich die Erfahrungen als Anwender, Erfahrungen, die wohl viele machen:‘Nutzen sie Windows – und sie lernen beten. Ihre Kirche’ Das könnte eine Art ‘Werbespruch’ sein, den ganz viele nachvollziehen könnten…
Das, worüber ich schreibe, einen Stand-Up mache oder auch predige, muss zur Erfahrungswelt des Ziel-Publikums gehören. Wenn ich Bundesrat Parmelin in einer Satire veräppeln würde, würde das hierzulande verstanden, im Ausland kaum.
Ich denke – ich habe das in diesem Blog glaub ich schon erwähnt – die ausgeklügeltste Predigt bringt nichts, wenn sie keine Berührungspunkte mit der Lebenswelt der Zuhörenden hat.
Das Thema muss auch Teil meiner eigenen Lebenswelt sein. Und wenn ich ‘Kleinkindererziehung’ nur aus Büchern kenne, sollte ich an einer Taufe, wenn ich denn Erziehungsratschläge geben will, das auch so sagen.
So bleibt immer die Frage: Können meine Zuhörerinnen und Zuhörer meine Witze / meine Predigt überhaupt verstehen? Und spreche ich in meiner Predigt auch transparent von meinen eigenen Erfahrungen und Grenzen? Oder verstecke ich mich im Gelehrten-Talar und weiss von Amtes wegen alles besser?
Als Pfarrperson, die predigt, kommt zur Kenntnis der Lebenswirklichkeit /Lebenserfahrung eine weitere Herausforderung dazu: Die Verbindung von Alltag und Theologie. Eine von der Lebens- und Erfahrungswirklichkeit der Zuhörenden losgelöste Predigt, wird im Sand verlaufen. Lebt vielleicht für einen Theologen (vgl. EKG-Beitrag), aber für einen durchschnittlichen Kirchgänger ist sie tot.
Als ‘didaktisches Prinzip’ mag die Aussage von Jesus dienen: »Gebt das Heilige, das euch anvertraut ist, nicht den Hunden! Und eure Perlen werft nicht den Schweinen vor! Die trampeln doch nur darauf herum, und dann wenden sie sich gegen euch und reißen euch in Stücke.« (Mt 7,6). Was sehr harrsch daherkommt (Hunde und Schweine gelten im antiken Palästina als unrein) kann man auf den Kopf stellen: Wenn ihr den Schweinen die Nahrung gebt, die sie brauchen, bleibt alles friedlich, ja, kann vielleicht eine konstruktive Beziehung ihren Anfang finden. Aber dafür muss ich mein Gegenüber als das ernst nehmen, was es ist und nicht als das, was ich mir vorstelle, dass es sein müsste. Viel Frust im Pfarramt liesse sich vermeiden, wenn konsequent so vorgegangen würde.
Susan Sparks ** (S.45ff.) hat mit ihrem Buch das Ziel, Humor in eine Predigt zu bringen. Deshalb sucht sie auch nach Humor in der Bibel. Ich meinte dazu, Humor muss man in der Bibel finden wollen. Oder anders gesagt: Wenn Bibel und Glaube für mich eine todernste Sache sind , dann werde ich auch Mühe haben, etwas Humorvolles in der Bibel zu finden. Auch ‘Humor’ liegt wie so viel anderes auch offenbar im Auge des Betrachters. Dabei muss ich an das geflügelte Wort denken: ‘Seit der Auferstehung Christi gibt es nichts mehr, das man todernst nehmen muss.’ ***
Insofern tut uns Theologen eine gewisse Lockerheit auch und gerade in unserem Umgang mit der Bibel immer gut… Sparks (S. 47ff.)** listet dann humorvolle Stelle in der Bibel auf. Was mich nachdenklich gemacht hat, ist, dass sie diese Aussagen nur im Zusammenhang mit guter Kenntnis und nicht zuletzt der historischen Kenntnis der Zeit, ( Sprache, ausserbiblischen Quellen, archäologische Funde) hat machen können. Kurz: Um Humor in der Bibel zu entdecken, muss man sie und ihr Umfeld kennen. Eigentlich dasselbe wie mit Stand-Up Comedians: Wenn sie wollen, dass die Zuhörenden mit ihnen lachen, so müssen die Comedians die Welt ihres Publikums kennen. Zurechtgedrückt: Wenn wir mit der Bibel lachen wollen, müssen wir sie und ihre Welt kennen. Und dann dieses Lachen auf unsere Lebenswirklichkeit übersetzen.
Oder allgemein formuliert: Wollen wir bei Predigten die Relevanz von biblischen Aussagen erweisen, kommen wir nicht um viel Arbeit herum.**** Aber es lohnt sich, wenn man erfährt, dass es gnostische Texte gibt, in denen Jesus lacht (S. 48)**, wenn aus dem Buch Jona eine Satire auf das Buch Joel*****, oder aus Thronfolgegeschichte in den Samuelbüchern eine schon fast zynische Abrechnung mit ‘gottgewollter Thronfolge’ wird (hier ein eigener Versuch in Mundart).
Kurz: Material für eine Predigt, auch für eine humorvolle Predigt, findet sich überall. Aber es bedeutet Arbeit:
- Fachlich- theologisch (das kann imho nicht genug unterstrichen werden)
- Kenntnis und Respektierung der Lebenswirklichkeit der Zuhörenden
- und immer wieder Arbeit an sich selbst, weil man, um glaubwürdig zu sein, nicht unbetroffen sein kann von dem, was man sagt.
Literatur:
*aus: Susan Sparks, Preaching Punchlines – The ten commandments of Comedy, 2019, Macon, Georgia. Hier ‘Chapter 5 – Thou Shalt Find Material’ ab S. 45
**Susan Sparks, Preaching Punchlines – The ten commandments of Comedy, 2019, Macon, Georgia.
*** Woher dieses Zitat / geflügelte Wort stammt, kann ich nicht sagen. ChatGPT führt es auf Dietrich Bonnhoeffer zurück: Prompt: Kannst Du mir sagen, woher dieses Zitat stammt – ich habe es wahrscheinblich nicht ganz korrekt in Erinnerung: Seit der Auferstehung Christi gibt es nichts mehr, das man todernst nehmen muss.’
**** Fachbegriffe dazu: Hermeneutik, Homiletik und Applikation
***** S. 97ff. aus Hans Martin Dober, Jürgen Moltmann (Hg.), Humor in der Religion, Theologie interdisziplinär, 2017, Vandenhoeck&Ruprecht, ISBN 978-3-7887-3167-0,

