Du sollst kein Opfer von Identitätsdiebstahl sein

Das 6. Gebot* – Stand-Up und Predigt 9

Sparks bringt in diesem Kapitel ihres Buches* (S. 57ff) ein wichtiges Anliegen ein, das alle betrifft, die öffentlich auftreten. Wie weit kann ich mir als Auftretende oder Auftretender selber treu bleiben?

Als Comedian fürchtet man sich zum Beispiel vor Zwischenrufern (engl. ‘Heckler’), die mit mehr oder weniger angebrachten Kommentaren die Performance stören – vielleicht würden sie ihrerseits sagen: bereichern.

Dass es unerwartete Zwischenrufe in einer Predigt gibt, habe ich so noch nie erlebt. Ich denke, das liegt vor allem am anderen Setting. Comedy ist auf ‘Lachen für einen Abend’ ausgerichtet, jovial und oft auch angeheitert. Um sich in diesem Setting gegen Zwischenrufer zu wappnen, gibt es verschiedene Techniken. Dean*** (S.166ff) führt eine ganze Liste zwischen ‘ignorieren’ bis zu ‘sich über den Zwischenrufer lustig machen’ auf, immer mit de Hinweis: Vergiss das Ziel nicht, die Leute sind hier um zu lachen, also sei und bleibe unter allen Umständen lustig.

 Eine Predigt ist eine ganz andere Show als ein Stand-Up. Das Publikum ist ruhiger, meist still, eine Interaktion zwischen predigender Person und den GottesdienstbesucherInnen findet nur beschränkt statt. Direkte Reaktionen auf das gesagte / performte sind vergleichsweise selten. Aber die ‘Zwischenrufer’ existieren auch hier: Eine subtile Kritik nach einer Predigt, eine schwindende Zuhöhrerschaft, Hintenrumgerede, von dem man erfährt, u.v.m.  Auch als Pfarrperson ist man immer ausgestellt.  Zweifel können sich hartnäckig in der eigenen Gedankenwelt einnisten und in der Folge Angst sich ausbreiten. Man erinnert sich plötzlich an diese oder jene Reaktion nach einem Gottesdienst und versucht sich der Kritik anzupassen, fürchtet sich plötzlich vor der Gemeinde, wird verunsichert, was die Gemeinde natürlich merkt, was wiederum Reaktionen hervorruft und so weiter – ein Teufelskreis. Sobald man aber versucht, den kritischen (eigenen und fremden) Stimmen auf Kosten der eigenen Authentizität gerecht zu werden, hat man definitiv ein Problem. Fanny Brice (Zitat frei übersetzt S.58)* beschreibt es so: „Zeig der Welt, wer du wirklich bist – nicht, wer du glaubst sein zu müssen. Denn früher oder später, wenn du dich nur verstellst, vergisst du diese Rolle… und wer bist du dann?“**

Ich mag an dieser Stelle all die gut bekannten Weisheiten zu Authentizität  oder Sätze wie ‘Wenn nicht du du bist, wer soll es dann sein?’ nicht auch noch aufführen. Sie sind hinlänglich bekannt. Spannend finde ich einfach, dass man offenbar eine Rolle, sei es nun als Comedian oder als predigende Person immer nur mit sich selber füllen kann und soll. Es braucht die Bereitschaft zu Authentizität und damit auch zu Verletzlichkeit, wenn man auf Dauer das Vertrauen (engl. faith) der Menschen gewinnen will, sei es nun als Comedian oder bei einer Predigt.

Man möchte wünscht sich und hofft, dass die Zuhörenden auf dem eingeschlagenen Weg folgen um schliesslich zum ‘Lacher’ oder zur ‘Erkenntnis’ (grosses Wort, ich weiss) zu gelangen. Sobald die Zuhörenden aber das Gefühl haben, als sei da jemand, wenn auch in einer Rolle, nicht echt (=sie würden ‘angelogen’), verliert man sie.

Ich denke, ‘Glaubwürdigkeit’ / Authentizität ist in der Comedy wie auch bei der Predigt ein wichtiges Gut, das man auf keinen Fall verspielen sollte. Bei jeglichem Auftritt, den wir haben, sollten wir uns nicht fragen, ob unser Auftritt den Zuhörenden gefallen wird oder nicht, oder uns mit unser eigenen Unsicherheit beschäftigen. Nein. Unsere Aufmerksamkeit sollte darauf ausgerichtet sein, unsere Botschaft an die Leute zu bringen. (S.65)* Das wiederum bedingt natürlich, dass ich meine Zuhörenden als die, die sie sind, auch ernst nehmen muss.

Lampenfieber vor dem Auftritt ist ein Zeichen dafür, dass man sich auf seine Aufgabe konzentriert und  fokussiert. Ich erzähle oft die Geschichte von vor dem einen Konzert, als ich als ganz Cooler meinte, vor dem Auftritt mit der Band nicht mehr nervös werden zu müssen. Nun ja, ich blieb VOR dem Auftritt ziemlich cool. Die Nervosität aber überfiel mich dann AUF der Bühne. So grottenschlecht habe ich vorher und nachher nie mehr gespielt. Es war schlimm. Seither bin ich immer froh, wenn ich vor einem Auftritt Lampenfieber habe. Es zeigt mir, dass ich fokussiert bin. Insofern heisse ich Lampenfieber seither immer willkommen. Es ist mittlerweile ein guter Freund geworden…

*(Susan Sparks, Preaching Punchlines,The ten commandments of Comedy)2019, Macon, Georgia)

**Let the world know you as you are, not as you think you should be because sooner or later, if you are posing, you will forget the pose, and then where are you?

*** Greg Dean, Step by Step to Stand-up Comedy’, 2nd Ed 2019