
Für meine CAS-Arbeit habe ich auch Fachliteratur von der nicht-theologischen Seite geholt, zum Beispiel das Büchlein von Greg Deans, STEP BY STEP TO STAND-UP COMEDY – Revised Edition’, 2019.
Seine Witze-Theorie (S.1ff) lautet: Ein Witz besteht aus zwei Teilen. Einerseits dem ‘Set-Up’, ich würde das mal mit ‘Aufbau’ übersetzen, und der Pointe (engl. ‘Punch’).
Dabei stehen Aufbau und Pointe in einer speziellen Beziehung.
Der ‘Aufbau’ dient dazu, den Zuhörer in die ‘Irre’ zu führen. Der Aufbau bezieht sich immer auf Dinge, von denen der Witze-Erzähler ausgeht, dass seine Zuhörerinnen und Zuhörer alle in etwa die gleiche Vorstellung davon haben und demzufolge die im Aufbau gemachten Aussagen ähnlich und gleich deuten. Die Pointe stellt den ‘Aufbau’ dann in einen ganz anderen, unerwarteten Zusammenhang, erzählt plötzlich eine ganz andere Geschichte, eröffnet ein neues Verständnis vom Inhalt des Aufbaus. So prallen Deutungen, die mit dem Aufbau entstanden ist und die Pointe, die die angedachte Erzählung in ein ganz anderes, komisches Licht rückt, frontal aufeinander. Und das bewirkt, wenn es gut gemacht ist, den erwünschten Lacher.
So weit zur Theorie.
Was mich als Pfarrperson beschäftigt hat, ist, dass in einem Witz eigentlich zwei unterschiedliche Erzählungen (Set-Up und Punch) miteinander verbunden werden. Die zweite Erzählung, die Pointe, stellt die erste Erzählung (den Aufbau) jeweils in ein ganz anderes, unerwartetes Licht. Ich denke, das ist in vielem auch das, was in einer Predigt geschehen kann:
Der Aufbau ist das Bekannte, Vorausgesetzte, das erfahrene Leben und dessen Interpretation und Deutung. Mit dem Evangelium kommt eine neue Deutung des Lebens ins Spiel, eine neue Deutung, die die alte, gemeinhin für ‘wahr’ gehaltene Deutung über den Haufen werfen kann.
Spontan muss ich an die Bergpredigt denken, an die ‘Seligpreisungen’ und die sogenannten ‘Antithesen’ (Mt 5). Da wird der Alltagsdeutung der Menschen eine ganz andere Sicht entgegengebracht: Ihr habt gelernt… Ich aber sage euch….
Wahrscheinlich (?) haben die Worte aus dem Matthäusevangelium nicht zum Ziel, die Zuhörenden und Leserinnen und Leser zum Lachen zu bringen. Und doch scheint mir, dass Ähnliches passiert wie im Witz: Der allgemein vorhandenen Deutung des Alltags wird etwas ganz anderes entgegengesetzt. Und das löst bei den Zuhörenden eine Reaktion aus, die vielleicht auch Lachen enthält, aber vielleicht auch Staunen, Verärgerung, Freude und vieles mehr.
Um dies in dieser Form machen zu können, muss die ‘allgemeingültige’ Deutung bekannt sein. Kurz: Man sollte seine Pappenheimer – die Zuhörenden – kennen, man sollte wissen, was sie über dieses oder jenes Thema denken und was für Gedanken ein Set-Up – ein Aufbau – in ihnen auslösen wird. Das bedingt natürlich auch eine Kenntnis des Themas und mögliche Deutungen.
So lande ich wieder bei mir selbst, bei meinen Themen, bei meinen Erlebnissen, in meiner Welt, weil ich diese am besten kenne. Ähnlich wie ein Stand-Up Comedian bin ich letztlich auch für Predigten auf mein eigenes Erleben zurückgeworfen, sofern ich glaubhaft mit der Struktur Set-Up und Punch (Aufbau und Pointe) arbeiten will.
Denn nur von meinem eigenen Erleben heraus kann ich davon erzählen, wie ich im Evangelium eine andere, unerhörte, befremdliche, bewegende, ermutigende, furchteinflössende, hoffnungsstiftende oder befreiende neue Deutung meiner Lebensrealität entdeckt habe.
Kurz: Anders als ein Comedian suche ich mit einer Predigt nicht primär den ‘Lacher oder Schenkelklopfer, aber doch möchte ich meinen Zuhörenden eine neue, andere, unerhörte Deutung alltäglicher Erfahrungen nahe bringen.
So gesehen ist eine gute Predigt zumindest strukturell ein Witz.

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