Das 7. Gebot – Stand-Up und Predigt 10

Interessant ist dieses Kapitel in Sparks Buch (S. 69ff)*, weil es den Fokus auf die Zuhörenden in einem Gottesdienst oder auch an einem Stand-Up legt. Etwas, das zumindest in meiner Ausbildung zum Pfarrer eigentlich gefehlt hat. Als Pfarrpersonen sind wir – ich schreib es jetzt etwas übertrieben – dem Evangelium verpflichtet. Dieses soll leuchten. Dass das Evangelium aber nicht erst mit dem Orgeleingangsspiel zu leuchten beginnt, sondern schon vorher leuchten sollte, mehr ist als man die saubere Exegese eines Bibeltextes, und auch nach dem letzten Ton eines Orgelausgangspiels weiter sollte, ging hie und da etwas vergessen. Dass Evangelium im weitesten Sinne sich auch in den Beziehungen ereignet (Wo die Liebe ist, da ist Gott), spielte für Seelsorge und Diakonie immer eine Rolle, aber kaum in einer Predigt.
Wenn man zu einem Fest einlädt, begrüsst man die Gäste möglichst an der Eingangstüre, offeriert ihnen Getränke und feine Snacks. Man möchte, dass sie sich wohl fühlen. Man gibt den Gästen zu verstehen, dass man sich freut, dass sie da sind und dass sie etwas besonderes sind.
In den USA müssen v.a. die kleineren Kirchen, aber eigentlich alle Kirchen, um Mitglieder buhlen. Da kann ein freundliches Wort zur rechten Zeit, ein liebes Nachfragen nach dem Gottesdienst, etwas Zeit für ein Gespräch den Unterschied machen, ob die Kircher weiter bestehen kann oder ob sie einfach verschwindet. Alternativen gibt es mehr als genug.
Ich bin froh, dass ich mir nicht auf diese Art den Lohn sichern muss. Andererseits, wenn ich ehrlich bin, ist es auch sehr bequem, dass ich mich (noch) nicht zum ‚Aquirieren‘ um die Leute kümmern muss.
Je besser man ‘seine’ Leute kennt desto realistischere Erwartungen wird man an sie haben. Das erspart viel Kummer auf beiden Seiten.
Mir kommt wieder einmal das ‘Perlen vor die Säue werfen’ in den Sinn. Wenn man seine Zuhöhrerinnen und Zuhöhrer in etwa kennt, kann ihnen auch etwas liefern, womit sie etwas anfangen können.
Eigentlich sind es ja ganz banale Weisheiten, die Sparks in diesem Kapitel zusammenstellt, aber sie gehen oft vergessen.
Als Pfarrperson beeinflusse ich die Stimmung an einem Gottesdienst entschieden mit.
Ich finde, man muss unterscheiden zwischen einem ‘Anbiedern an die Gäste’ und ‘sie ernst nehmen’. Das heisst, ich finde nicht, dass man den Gästen das bieten sollte, was sie hören wollen, aber dass man sein Auftreten und seine Sprache so wählt, dass die Gäste dem Gottesdienst folgen können. Das mag die die Form einer Predigt ändern aber nicht unbedingt ihren Inhalt.
Die Leute ernst nehmen bedeutet auch, dass man vorbereitet ist. Dass es Sonntage geben kann, in denen man nicht so gut vorbereitet sein kann, wie man möchte, erscheint mir menschlich. Das könnte man vielleicht im Sinne der Transparenz einer Gemeinde auch einmal (1x, nicht jedes Mal) zumuten. Eine ehrliche Bankrotterklärung ist in der Comedy, wenn das Lachen ausbleibt, ein probates Mittel, die Show wieder in Gang zu bringen. Ich stelle mir vor, dass dies in einer Predigt auch geschehen kann: ‘Liebe Gemeinde, ich stelle gerade fest, ich habe mich vergaloppiert …’ kann durchaus der Wendepunkt zu einer für alle inspirierenden Predigt werden.
Sparks (S.75ff)* führt dann verschiedene Dinge auf, die sie beim Predigen für essentiell hält in der Beziehung Zuhörende und Predigende:
- Schau den Leuten in die Augen – und nicht andauernd über sie hinweg
- Sei präsent. Die Leute merken, wenn du mit deinen Gedanken anderswo bist
- Lass Raum, damit die Zuhörenden dir folgen können und genug Zeit haben, zum die Infos verdauen.
Im Stand-Up darf man nicht ins Gelächter hineinreden, das ist eine Stand-Up Todsünde. Erst wenn das Gelächter wieder am verstummen ist, fährt man mit dem nächsten Joke fort. Wenn man mit Reden das Gelächter unterbricht, werden die Zuhörenden mit der Zeit mit Lachen aufhören, weil sie meinen, den da vorne scheint es nicht zu interessieren, wie wir auf seine eigentliche guten Witze reagieren…. Ähnliches könnte für die Predigt gelten: Ein andauerndes Stakkato von theologisch tiefgründigen Gedanken wird dazu führen dass die Gottesdienstbesuchenden unberührt den Gottesdienst wieder verlassen werden, weil ihnen der Raum zum ‘Nachhallen’ gefehlt hat.
Und schliesslich stellt sich auch die harte Frage: Was erhalten die Gottesdienstbesucherinnen und -besucher bei uns, was sie sonst nicht erhalten?
Was ist das Proprium des Gottesdienstes, dass es nur bei uns gibt? In Zeiten von Social-Media, Netflix, Computerspielen, grösseren und kleineren Events landauf landab muss die Kirche, gerade die Landeskirche, ihr eigenes Proprium finden, ein Alleinstellungsmerkmal. Das ist ziemlich herausfordernd. Aber wenn wir nichts anderes und oder zumindest besseres zu bieten haben, als andere, dann braucht es uns nicht.
Letztlich besteht die Herausforderung wohl darin, den Menschen authentisch – wohlwollend zu begegnen und das vor, während und auch nach einem Gottesdienst.
Manchmal mag man vielleicht nicht und zieht es vor, sich etwas zu verdrücken. Ich denke, eine Gemeinde kann das verstehen und trägt das auch mit – ähnlich wie wenn bei der Predigt einmal plötzlich die Luft raus ist. So viel Vertrauen darf sein.
*Sara Sparks, Preaching Punchlines, The Ten Commandments of Comedy, Macon, Georgia 2019

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