Am Ende des Jahres


Jetzt, wo das Gewebe des vergehenden Jahres ausfranst
Betrachte ich all die losen Enden der Fäden
Aus denen es gewoben war
Ihre Farbe, ihre Beschaffenheit

Ich nehme die Fäden zwischen meine Finger
Die sanften und weichen,
Die angenehmen und biegsamen
Die rauen und starren
Die unbeweglichen und kratzenden
Und erinnere mich an die Geschichten, die sie erzählen

Geschichten voller Freude und Begeisterung
Geschichten voller Trauer und Abschied
Geschichten von Schuld und Versagen
Geschichten von Enttäuschung und Schmerz
Geschichten von Trost und Heilung
Geschichten voller Vertrauen und Hoffnung
Geschichten voller Leben, voller Liebe

Bevor die Fäden bald wieder aufgenommen werden
Um nahtlos das Gewebe des nächsten Jahres anzuschliessen
Blicke ich zurück auf Muster, Farben und Formen
Die im vergehenden Jahr geknüpft und gewoben worden sind

Ich finde Bestätigung und Bedauern
Hässlichkeit und Schönheit
Sorglosigkeit und Verzweiflung
Angst und Mut
Kraft und Schwäche
Gleichgültigkeit und Sorgfalt

Und immer und immer wieder
Diese feinen Fäden voller Liebe
Die mich ahnen lassen
Dass der Eine all meine Fäden
In seinen Händen hält

Kommentare

3 Kommentare zu „Am Ende des Jahres“

  1. Avatar von Patricia Neukomm
    Patricia Neukomm

    Wow! Danke – soo schön beschrieben, all dieses „Sowohl-als-auch“ – eben nicht Entweder-Oder!

    1. Merci für die liebi Rückmäldig. Si fröit mi sehr.

  2. Das Leben als Gewebe, welch schöner Gedanke. Feine Fäden, grobe Fäden, bunte Fäden, blasse Fäden. Wie könnte man das Leben besser beschreiben.

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