Über das Zusammenspiel von Witz, Witze-ErzählerIn und dem Publikum

Ist ein Witz – eine lustige Geschichte – aus sich selbst heraus wirksam, wenn er live erzählt wird? Welche Rolle spielt dabei die Person, die den Witz erzählt? Kann man einfach trennen zwischen der Person und ihrer Rolle als Comedian? Kann ein ‘geächteter’ (cancelled) Witzeerzähler überhaupt noch lustig sein, wenn das Publikum ihn nicht mag? Nicht weil er schlechte Witze erzählen würde, aber weil er oder sie zum Beispiel ein Leben lebt oder Meinungen geäussert hat, das die moralischen Grenzen des bisherigen Publikums überschreitet?
Myers / Graham stellen genau diese Fragen und stellen fest, damit ein Witz resp. ein Stand-Up Programm funktionieren kann, braucht es Vertrauen (faith), Vertrauen in den Menschen, der da auf der Bühne performt. Noch dann, wenn ein Witz alle Merkmale eines gelungenen Witzes in sich enthält, ein Programm noch so witzig ist, wird sich niemand das Programm eines verurteilten Sexualstraftäters (Beispiel: Bill Cosby) noch ansehen oder anhören wollen und höchstens widerwillig lachen, auch wenn die Pointen geschmackvoll und keinen Bezug zu den dem oder der KünstlerIn gemachten Vorwürfen haben. Künstlerinnen und Künstler, die aus welchen (meist moralischen) Gründen auch immer in Ungnade gefallen sind, werden ‘gecancelled’. Dies, weil weder Veranstalter noch das Publikum Lust haben, sich mit jemandem zu amüsieren, der oder die sich total daneben benommen hat. Das müssen nicht unbedingt bewiesene kriminelle Machenschaften gewesen sein. In Zeiten von Social Media reichen unter Umständen ein hartnäckiges Gerücht oder auch glaubhafte, aber nicht beweisbare Vorwürfe, um Comedy-Stars einfach abzusägen. Luke Mockridge mag da als Beispiel dienen, der mit Vorwürfen wegen Übergriffen konfrontiert wurde (keine gerichtliche Verurteilung / Quelle: https://www.rnd.de/promis/luke-mockridge-der-tiefe-fall-eines-comedy-stars-WHBFJWYDPVBZZA5NVQHXHU3CZI.html ) und schliesslich definitiv in Ungnade fiel, weil er bösartige Witze über Paralympics-AthletInnen gemacht hat. Seither wurde der ehemals sehr erfolgreiche Comedian einfach abgebucht / ‚gecancelled‘.
Aber wie ist das jetzt mit Pfarrpersonen? Stehen wir auch unter einem ähnlichen öffentlichen Druck? Wie viel Vertrauen gewinnen resp. verlieren wir als Berufsleute in den täglichen Begegnungen mit unseren Mitmenschen? Kann eine Predigt noch ‘wirken’ (Liebe und Gemeinschaft), wenn der, der sie hält, aus welchen Gründen auch immer, ‘gecancelled’ ist? Wenn die Zuhörerinnen und Zuhörer kein Vertrauen (faith) in die Pfarrperson haben? Was ist, wenn allerhand Gerüchte über eine Pfarrperson zu kursieren beginnen? Kann ein grobes Fehlverhalten in ganz privatem Rahmen losgelöst von der eigentlichen Arbeit als VDM letztlich die verkündigende Arbeit verunmöglichen, auch wenn es sich nicht um eine strafrechtlich relevante Tat handelt?
Und weiter: Kann man überhaupt die Rolle Pfarrperson von der Person, die diese Rolle ausfüllt trennen? Oder handelt es sich beim Rückbezug auf Stichworte wie ‘Amt’, ‘VDM’, Ordination, Einsetzung, Beauftragung, Rolle und Funktion nicht einfach um eine Flucht vor der Tatsache, dass privates Alltagsverhalten und ‘Rolle im Pfarramt’ immer korrelieren?
Und dann keimt in mir der Verdacht, ob wir es uns als Geistliche in den letzten Jahrzehnten nicht zu einfach gemacht haben mit der Unterscheidung von Rolle und Person? Oder anders gefragt: Kann man dem, was ich in meiner Rolle als Pfarrperson in einem Gottesdienst tue und sage, grundsätzlich Vertrauen (faith) schenken, wenn, ich versuche das mal ganz offen zu formulieren, die Chemie zwischen mir als Person und der Gemeinde aus welchem Grund auch immer, nicht (mehr) stimmt?
Ein Comedian wird schlicht ausgeladen, wenn er zu weit gegangen ist, resp. man geht nicht mehr hin, wenn er schlecht ist, die Leute nicht zum Lachen bringt und so seinen eigentlichen Auftrag nicht erfüllt. Könnte das übertragen auf Pfarrpersonen mit ein Grund für die (sogenannt) leeren Kirchen sein? Dass wir über all die Jahre das Vertrauen (faith) der Menschen ‚verspielt‘ haben?

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