Authentisches Erzählen

Das zweite Gebot*

Gedanken zu Kapitel 2 aus dem Buch von Susan Sparks

Eine erste Parallele von Comedy und Predigt steht gleich am Anfang des Kapitels (s17*). Ein Zitat von E.B.White (wer immer das auch ist?), das ich relativ frei in etwa so übersetzen würde:  Einen Frosch kann man sezieren – aber der Kerl wird dabei sterben und die Innereien des Frosches werden niemanden wirklich begeistern ausser die Personen mit rein wissenschaftlichem Interesse.

Ähnliches kann ja auch mit einem biblischen Text geschehen, nachdem man ihn wissenschaftlich ‘auseinandergenommen’ hat. Wenn man nach den klassischen Schritten Textkritik, Literarkritik, Form- oder Gattungskritik, Traditionskritik, Redaktionskritik und historische Einordnung schliesslich bei der Interpretation angelangt ist, liegt der Text in Einzelteile zerlegt vor einem, man weiss zwar sehr viel mehr, aber das Ding ‘lebt’ irgendwie nicht mehr.

Dennoch möchte ich das wissenschaftliche Arbeiten an biblischen Texten nicht missen – und nein, ich mache vor einer Predigt nie alle Schritte durch – aber die historisch-kritische Brille zwingt mich, einen anderen Standpunkt einzunehmen, kritische Fragen auch an den Text zu stellen, archäologische Erkenntnisse zu berücksichtigen, mich aus meinem Bürostuhl zu erheben um in eine andere, mir fremde Welt einzutauchen um mit gefundenen Schätzen dann weiter zu arbeiten.

Ich mag auch ganz bewusst aufgesetzte ‘Brillen’: Befreiungstheologische Ansätze, feministische Ansätze und andere.

Dass der Text dabei nicht ‘stirbt’, resp. getötet werden muss, wie ein Frosch, der seziert werden soll, bedingt, dass ich mich ehrlich mit dem Text und dem, was ich bei meiner Suche gefunden habe, auseinandersetze. Und hier helfen Ratschläge aus der ‘Comedy-Szene’ weiter. Als Pfarrer wähle ich einen biblischen Text, als Comedian ein bestimmtes Thema. Sowohl Thema wie auch Bibeltext kann man mit ähnlichen, ja gleichen Fragen angehen (vgl. Sparks S. 23f*):

  • Was ich daran hasse:
  • Was ich daran nicht verstehe:
  • Was ich daran liebe:
  • Was mich begeistert:
  • Was ich dabei empfinde:

Und sicher sind noch viele weitere Fragen möglich 

In der Comedy wird man sich dann aufmachen, einen lustigen Twist zu finden, etwas Humorvolles, das die Leute zum Schmunzeln und Lachen bringt.

Ich denke, bei einer Predigtvorbereitung ist es ganz ähnlich. Man wird vielleicht Schmunzeln, sich ärgern, man wird auch an Grenzen kommen, im besten Fall neue Einsichten gewinnen. Diesen ehrlichen Weg mit dem Text mit der Gemeinde zu teilen erlebe ich als sehr fruchtbar. Es macht aus mir einen suchenden, fragenden, zweifelnden, hoffenden und glaubenden Menschen, der die Zuhörenden auf einen Weg mitnimmt. Es verhindert, dass ich als Predigender zum Erklärer und Besserwisser verkomme, auch wenn ich all mein theologisches Wissen anwende!

Ganz ähnlich wie ein Comedian bei einem Stand-Up mache ich mich in weitestem Sinne bei einer Predigt immer auch über mich selber ‘lustig’, betrachte auch meinen eigenen Weg humor- und liebevoll und kann, wo angebracht, auch über mein eigenes Scheitern schmunzeln oder lachen.

So liegt es nahe, dass man auch Alltagserfahrungen zur Illustration von Bibeltexten beizieht. Hier weist Sparks (S.22*) nicht zu unrecht auf die Gefahr, dass plötzlich die Illustration wichtiger ist als der Bibeltext, dass nach dem Gottesdienst alle einen zum Beispiel auf das Missgeschick ansprechen, das man erzählt hat, aber niemand mehr weiss, um was es in der Predigt eigentlich gegangen ist. Das wäre schade. 

Und, ein weiterer Hinweis in diesem Kapitel ist, dass die Pointe am Schluss kommen muss und nicht am Anfang. Im Stand-Up gibt es verschiedene Ansätze, wie man ein Lachen bewirken kann. In jedem Fall wird ein Lacher durch etwas Unerwartetes bewirkt. Kurz: Die Zuhörenden werden auf eine ‘falsche’ Fährte geführt um im letzten Moment mit einer unerwarteten Wendung konfrontiert zu werden (Sparks S.18ff). Diese Reihenfolge ist gegeben.

Wichtig scheint mir, dass man einschätzen kann, was für die Zuhörenden eine unerwartete Wendung ist. Ein 1000x gehörter Witz ist es sicher nicht. Man muss auch abschätzen können, ob die Zuhörenden einen auf der ‘ausgelegten’ Fährte folgen und wie sie folgen.  Das bedeutet, dass man Witze, die bei geschulten Programmierern tadellos funktionieren, an einem Fest für Mitarbeitende einer grossen Firma schlicht vergessen kann.

Stichwort ‘Erzählen’: Letztlich geht es, so habe ich das verstanden, in einer Predigt um die Kunst des Erzählens. Bei meiner Weiterbildung zum ‘Bibelerzähler’ (ja, es gab bei refbejuso tatsächlich mal so eine Ausbildung), hat ein weiser Mann gesagt: Es ist vielleicht kein Zufall, dass 2/3 der Bibel aus Erzählungen besteht, denn vielleicht ist ‘Erzählen’ die einzig legitime Art, von Gott zu sprechen.

Comedians erzählen immer Geschichten, meist mit Bezug zu ganz banalen alltäglichen Erlebnissen und bringe, in dem sie hier und dort ganz unerwartete Erkenntnisse einbringen, die Menschen zum Schmunzeln und Lachen. Dabei müssen sie imho zwingend auch viel von sich preisgeben, müssen authentisch sein und eben ‘nachvollziehbar’. Vielleicht könnte man Comedy als Teil einer Kategorie ‘authentisches Erzählen’ bezeichnen, in der Predigen auch seinen Platz hat oder haben könnte.          

Authentisches Erzählen empfinde ich als gute Bezeichnung für das, was zumindest bei mir beim Predigen geschieht resp. was ich anstrebe. Bei den Vorbereitungen muss ich auch das ‚Pubikum‘ berücksichtigen, das der Erzählung folgen können muss. Ganz ähnlich wie Comedians eine Pointe aufbauen, so ist es dann meine Aufgabe, die Predigt so aufzubauen, dass die Zuhörenden der Erzählung (die im Gottesdienst durchaus vor der eigentlichen Predigt beginnen kann) gerne folgen. Wie eine gute Erzählung aufgebaut wird, ist dann ein ganz anderes Thema.

*Susan Sparks, Preaching Punchlines, 2019, Macon, Georgia


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